25.01.2018

Trotz Trennung: Eltern bleiben Eltern!

Petra Buderath und Wiebke Hugenschütt vom Integrativen Beratungszentrum des Diakonischen Werks in Melle

Petra Buderath und Wiebke Hugenschütt vom Integrativen Beratungszentrum des Diakonischen Werks in Melle

Kinder betrachten das Zusammenleben mit beiden Elternteilen als selbstverständliche Lebensform von Familie. Eine Trennung oder Scheidung erschüttert diese Sicht der bestehenden Ordnung erheblich und fordert von ihnen große Anpassungsleistungen. Gelingt es sich trennenden Paaren trotz aller Divergenzen, ihrer Verantwortung als Eltern gerecht zu bleiben, erhöht das die Chancen, dass Kinder die belastende Situation gut überstehen.

Die Trennung der Eltern mit ihren unterschiedlichen Folgen für alle Beteiligten ist nicht nur ein plötzlicher Einschnitt im Leben einer Familie. Sie ist ein langer, mühsamer Weg der Veränderungen, den die Betroffenen mit vielen kleinen Schritten (und Rückschritten) antreten. Verunsicherungen und Schwierigkeiten gehören genauso zum Erziehungsalltag, wie Freuden und Erfolge – in Familien die zusammenleben ebenso, wie solchen, die getrennt sind.

Für Olaf Düring, Leiter der AWO-Familienberatungsstelle in Osnabrück und Petra Buderath, Bereichsleiterin im Integrativen Beratungszentrum des Diakonischen Werks in Melle, gehören Hilfestellungen bei Trennungen und Scheidungen zum Berufsalltag. Sie sind mit je 400 Beratungen pro Jahr der häufigste Anlass, eine der Beratungsstellen aufzusuchen, die Ratsuchenden kostenlose Hilfe anbieten – unabhängig ihrer Hautfarbe, Nationalität oder Religiosität. Die Hälfte aller Familien geht laut Angaben der beiden Diplom-Psychologen mit einer positiven Veränderung aus den Gesprächen hervor.

Das Kinder- und Jugendhilferecht gewährt jedem, der für ein Kind unter 18 Jahren sorgt, einen Anspruch auf Beratung in Fragen der Partnerschaft, Trennung und Scheidung. Die Mitarbeiter der AWO-Familienberatungsstelle dürfen diesbezüglich im Bereich der Stadt Osnabrück tätig werden. Familien aus Stadt und Landkreis finden neben dem Diakonischen Werk Unterstützung beim Kinderschutzbund oder der Ehe-, Familien-, Lebens- und Erziehungsberatung des Bistums Osnabrück. Alle Einrichtungen sind gut mit den Jugendämtern und Familiengerichten vernetzt, beraten jedoch  ergebnisoffen und vertraulich.

Betroffene Kinder und Jugendliche sind stark belastet

Auf der Liste kritischer Lebensereignisse ist die Trennung der Eltern sehr hoch angesiedelt. Ähnlich wie der Tod des Partners oder des Kindes geht sie mit starkem Stress einher. Auch wenn der Umgang mit dem Thema heute „normaler“ ist, bleibt doch die Heftigkeit dieser weitreichenden Erfahrung, die betroffene Kinder und Jugendliche für ihr ganzes Leben sensibilisiert. Da es keine Option für Kinder ist, unter den steten Spannungen der Eltern zu leben, ist es entscheidend, wie die Trennung gestaltet wird. Aus der Sicht der betroffenen Kinder nennt Olaf Düring ein zentrales Motto, zu dem ein umfassender Ratgeber der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Jugend- und Eheberatung (dajeb) erschienen ist: „Eltern bleiben Eltern“.

Petra Buderath gibt Ratsuchenden häufig den „Wegweiser für den Umgang nach Trennung und Scheidung“ mit. Auch diese Broschüre zeigt auf, wie Eltern den Umgang am Wohl des Kindes orientieren können. Außerdem enthält sie einen herausnehmbaren Innenteil mit praxisbezogenen Beispielen für gemeinsame Vereinbarungen.

Gerade zu Beginn der Trennung, die häufig mit negativen Emotionen wie Kränkungen, Rachegefühlen und Aggressionen einhergeht, gerät der Nachwuchs häufig zwischen die elterlichen Fronten. Der Eigenanteil am Konflikt wird vor den Vermittlungsgesprächen selten gesehen. Im ungünstigsten Fall werden die Kinder in die Auseinandersetzungen verstrickt – als Bündnispartner, Tröster, Richter oder Schlichter.

Trennung als Paar, Kooperation bei der Erziehung

Wichtig ist es möglichst früh ganz klar zu unterscheiden: Wir gehen als Paar auseinander. Eltern bleiben wir aber ein Leben lang. „Die wichtigste Hilfe, die Eltern ihrem Kind bei einer Trennung geben können, besteht darin, als Vater und Mutter weiterhin verfügbar zu bleiben – ganz unabhängig von Sorgerechts- und Umgangsfragen oder finanziellen Sorgen. Kinder haben ein gesetzlich festgeschriebenes Recht auf Umgang mit beiden Elternteilen, brauchen beide und müssen ihre Liebe spüren, um Vertrauen zu sich selbst und anderen aufzubauen“, unterstreichen Düring und Buderath.

Steht der Entschluss zur Trennung, gilt es für Eltern zu überlegen: Wie erklären wir es unserem Kind? Am besten verkünden sie ihre Entscheidung in einem gemeinsamen Gespräch mit altersgerechter Wortwahl. Für das Kind ist es vor allem wichtig zu wissen, was sich in Zukunft ändern wird und wie die Regelungen aussehen, die sie vereinbart haben. Von Bedeutung ist aber auch, was unverändert bleibt, wie zum Beispiel das eigene Zimmer, der Kindergarten oder die Besuche bei den Großeltern.

„Die wichtigste Message an das Kind sollte auf jeden Fall sein, dass es selbst keinerlei Schuld an ihrer Entscheidung trägt. Hilfreich wäre auch, wenn es den Betroffenen gelingt, immer wieder Fragen und Stellungnahmen zu ermöglichen. Das Kind sollte seine Familienbeziehungen möglichst unbeschwert weiterleben dürfen. Das gilt auch, wenn Mutter oder Vater einen neuen Partner haben“, so Buderath.

Kinder sind in der Regel beiden Elternteilen treu. Darum geraten sie schnell in einen Loyalitätskonflikt. Jüngere bekommen nicht selten Angstzustände, Schlafstörungen oder zeigen Rückschritte in ihrer Entwicklung. Ältere reagieren häufig mit dem Versuch, sich der Situation zu entziehen, rebellieren oder verschlechtern sich in der Schule.
Um von Trennung und Scheidung betroffene Familienmitglieder in ihrer individuellen Situation abzuholen, bieten die genannten Beratungsstellen überwiegend Einzel- und Paargespräche an. Aber auch Gruppenangebote, die Kindern wie Eltern Raum und das Gefühl geben, mit ihren Gefühlen und Gedanken nicht alleine zu sein, kommen zu Stande.
„Weil der Bedarf einfach da war haben wir letztes Jahr zum Beispiel eine Trennungsgruppe für ältere Kinder von zehn bis zwölf Jahren angeboten. Da zwei Drittel aller Ratsuchenden weiblich sind, gibt es außerdem Angebote zum Austausch unter Frauen“, berichtet Wiebke Hugenschütt, Diplom-Sozialarbeiterin im Integrativen Beratungszentrum Melle.

Sorgerecht, Aufenthalt und Umgangsrecht

Wenn sich Eltern über das gemeinsame Sorgerecht, den gewöhnlichen Aufenthalt des Kindes und den Umgang einig sind, bedarf es darüber keiner richterlichen Entscheidung. Wenn sie sich auf Dauer getrennt haben oder geschieden sind, muss derjenige, bei dem sich das Kind mit Einwilligung des anderen Elternteils oder aufgrund einer richterlichen Entscheidung aufhält, lediglich über Belange von erheblicher Bedeutung (zum Beispiel die Wahl der Ausbildung oder die Zustimmung zu einer Operation) mit dem Expartner einigen.

„Während in den siebziger bis neunziger Jahren zirka 70 Prozent der Kinder nach einer Trennung keinen Kontakt mehr zum Vater hatten, ist die gemeinsame Sorge heute der Regelfall. Bei unverheirateten Paaren reicht hierzu eine formlose Erklärung der Eltern beim Jugendamt oder Notar“, berichtet Düring. Positive Veränderungen im rechtlichen Sinne habe das so genannte FamFG, das Gesetz über das Verfahren in Familiensachen und in den Angelegenheiten der freiwilligen Gerichtsbarkeit, gebracht. Am 1. September 2009 in Kraft getreten, kann das Gericht die Teilnahme an einer Beratung sogar verpflichtend anordnen.

Die AWO-Familienberatung in Osnabrück erhält zirka 50 solcher als hochstrittig eingestufter Überweisungen pro Jahr. Scheitern alle Vermittlungsgespräche, können weitere familiengerichtliche Maßnahmen zur Feststellung der Interessen des Kindes eingeleitet werden. In der Regel wird ein Verfahrensbeistand bestellt und bei Bedarf ein lösungsorientiertes Sachverständigengutachten in Auftrag gegeben. Als höchster Maßstab für alle Regelungen und richterlichen Entscheidungen gilt stets das Kindeswohl.

„Manchmal bewirkt eine Trennung auch, dass sich ein zuvor wenig präsentes Elternteil auf einmal liebevoll auf ‚sein Wochenende‘ vorbereitet. Auch wenn es schwer fällt, sollte derjenige, der sich möglicherweise viele Jahre mit der Betreuung des Kindes alleingelassen gefühlt hat, das ‚plötzliche Interesse‘ nicht zum Vorwurf machen, sondern darin eine Chance für alle Beteiligten sehen – vor allem aber für das Kind“, rät Buderath.

Bericht und Foto: Johanna Kollorz  / Quelle: Klecks 11/2017