11.04.2017

Spielsüchtiger erzählt: Wie ein Osnabrücker 100.000 Euro bei Fußballwetten verzockt hat

Thomas ist 26 Jahre alt und spielsüchtig. In anderthalb Jahren hat der Osnabrücker 100.000 Euro beim Wetten verzockt, das meiste davon bei Fußballwetten. Gespielt hat er bei verschiedenen Online-Wettanbietern. Foto: Michael Gründel

Thomas ist 26 Jahre alt und spielsüchtig. In anderthalb Jahren hat der Osnabrücker 100.000 Euro beim Wetten verzockt, das meiste davon bei Fußballwetten. Gespielt hat er bei verschiedenen Online-Wettanbietern. Foto: Michael Gründel

Osnabrück. Thomas ist 26 Jahre alt und spielsüchtig. In anderthalb Jahren hat der Osnabrücker 100.000 Euro beim Wetten verzockt. Geblieben sind 50.000 Euro Schulden. Mit uns hat er über Warsteiner Bier, thailändisches Tischtennis, Lügen und Wege aus der Sucht gesprochen.

Thomas (Name von der Redaktion geändert) sitzt mit rot-kariertem Hemd in einem Raum der Diakonie Osnabrück an der Lotter Straße. Vor kurzem hat er dort seine Therapie abgeschlossen. Seit anderthalb Jahren hat er nicht mehr gespielt. Mit 23 Jahren hat er angefangen, fast jeden Tag große Summen zu wetten. Thomas hat einen gut bezahlten Job, den er auch während der Hochphase seiner Sucht behalten hat. Das gibt ihm jetzt die Chance, in absehbarer Zeit seine Schulden zurückzuzahlen.

Thomas, wie hat es bei Ihnen mit den Fußballwetten angefangen?

Angefangen hat es damit, dass ich selbst Fußball gespielt habe. In der Mannschaft war es üblich, dass wir zum Zeitvertreib auf bestimmte Spiele getippt haben. Mit der Sucht hat es aber 2014 bei der Fußball-WM mit einem Sechserträger Warsteiner angefangen. In einem Flaschendeckel war ein 20-Euro-Gutschein von einem Wettanbieter. Bei dem habe ich mich registriert und das Geld auf den Ausgang des Spiels Deutschland - Portugal gesetzt. Deutschland hat 4:0 gewonnen und ich habe 280 Euro gewonnen. Mein Gedanke war: Es ist ja relativ einfach so an Kohle zu kommen! Ich habe mir das Geld also nicht auszahlen lassen und direkt weitergewettet. Das Geld war dann zwar relativ schnell weg, aber ich hatte einen halben Tag lang Spaß. Dann habe ich mein eigenes Geld auf das Konto des Wettanbieters überwiesen.

Wie ging es weiter?

Anfangs habe ich noch ein bisschen kontrolliert gespielt, aber relativ schnell hat sich mein ganzer Alltag nur noch um mein Handy gedreht, über das ich online bei allen großen Anbietern gewettet habe. Ich habe von morgens bis abends und mitten in der Nacht auf mein Handy geguckt.

Haben Sie nur auf Fußball gewettet?

Nein, ich habe auf alles Mögliche gewettet, auch auf Spiele der Tischtennisliga in Thailand.

Ohne Ahnung zu haben?

Anhand der Quote kann man ja sehen, wer Favorit ist, entsprechend niedrig ist der Gewinn. Beim Außenseiter ist die Quote entsprechend hoch. Zudem habe ich mich in Foren informiert. Wenn man dann das erste Mal gewinnt, glaubt man, dass man Experte für Randsportarten ist (lacht).

Auf was kann man noch wetten?

Darauf, wann in einem Spiel die erste Gelbe Karte gezogen wird, darauf, dass der Trainer von der Bank fällt. Darauf, dass bei „Schlag den Raab“ der Kandidat gegen Stefan Raab gewinnt. Eine Zeit lang habe ich auch viel auf Tennis gewettet, weil man da auf die einzelnen Sätze wetten kann. Als Spieler will man immer schnelle Ergebnisse. In diesem Jahr zu wetten, wer im nächsten Jahr Weltmeister wird, ist für einen richtigen Spieler völlig uninteressant.

Was für Summen haben Sie gesetzt?

Anfangs waren es 20 bis 30 Euro pro Wette. Dann wurde es dreistellig und ab und zu habe ich auch vierstellig gesetzt.

Was war der höchste Verlust?

5000 Euro bei einem Spiel der Premier League in England.

Was geht einem da durch den Kopf?

Das war, als ich richtig tief in der Spielsucht gesteckt habe. Da hat die einzelne Summe gar keine Riesenrolle mehr gespielt. Man nimmt Geld anders wahr, nicht mehr als Summe, sondern nur noch als Zahl. Anfangs denkt man noch, oh, mein Gott, was habe ich gemacht! Aber irgendwann ist es egal, ob man 50 Euro verliert, 500 oder 5000. Bei dem speziellen Spiel ging es mir auch gar nicht so schlecht danach. Ich hatte auf das Ergebnis gewettet und bis zur 85. Minute lag ich richtig. Dann kamen leider noch fünf Minuten plus Nachspielzeit, und es sind noch zwei weitere Tore gefallen (lacht).

Wie viel haben Sie unterm Strich während ihrer Wettsucht verloren?

Als ich mit dem Spielen Schluss gemacht habe, hatte ich 50.000 Euro Schulden. Aber da sind nicht meine Ersparnisse eingerechnet, die ich verspielt habe und auch nicht meine Gehälter, die ich direkt verzockt habe. Alles in allem habe ich um die 100.000 Euro verspielt.

Haben Sie auch mal gewonnen?

Ja, ich habe auch mal 15.000 Euro mit einem Fußballschein gewonnen. Aber das nimmt man gar nicht mehr als einzelnes Ereignis wahr. Man gewinnt und dann verliert man wieder, was man vorher gewonnen hat. Das ist so, als ob Ihr Arbeitgeber Ihnen 2000 Euro Gehalt überweist und sich dann 3000 Euro wieder zurückholt. Am Ende kann man nicht gewinnen.

Wie finanziert man das Spielen?

Zu Beginn mit meinem eigenen Geld. Als das weg war, habe ich mir Geld von Familie und Freunden geliehen. Dann habe ich Kreditkarten überzogen und Konten. Am Ende war das System so verzwickt, dass ich gar keinen Überblick mehr hatte.

Haben Sie Ihrer Familie erzählt, dass Sie Geld für Wetten brauchten?

(lacht) Natürlich nicht! Man erfindet die abstrusesten Geschichten: man ist zu schnell gefahren, man will in eine Firmenbeteiligung investieren. Als Spieler muss man ein guter Schauspieler sein und ein guter Lügner. Aber irgendwann hat die Familie natürlich gemerkt, dass die ganzen Geschichten nicht stimmen können.

Was war mit Ihrer Freundin? Hat die auch nichts gemerkt?

Nein, auch da entwickelt man ein System. Ich habe schon immer viel gearbeitet, auch abends und teilweise nachts. Wenn sie mit am Tisch saß, habe ich den Laptop so hingestellt, dass sie nicht sehen konnte, dass ich auf Wettseiten unterwegs war. Oder ich habe ihr erzählt, dass ich joggen gehe und mich dann im Park mit meinem Handy auf eine Bank gesetzt und gewettet.

Waren Sie vor Ihrer Spielsucht auch schon ein guter Lügner?

Nein, ich habe nie sonderlich viel gelogen. Aber ich habe schon die Tendenz, dass ich mich ganz gut verstellen kann. Wenn es mir schlecht geht, kann ich so tun, als ob es mir wunderbar geht. Als Spieler zieht man eine Mauer zwischen sich und die Außenwelt: Das bin ich, und das ist draußen. Am Ende hat man zwei Persönlichkeiten.

Wann haben sie gemerkt, dass Ihnen alles über den Kopf wächst und Sie Hilfe brauchen?

Als schon am 31. mein Gehalt für den kommenden Monat weg war. Ich hatte niemanden, den ich noch nach Geld fragen konnte. Da habe ich mir das Telefon geschnappt und die Sucht-Hotline der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung angerufen. Die haben mich dann an die Suchtberatung der Diakonie Osnabrück vermittelt.

Aber auch vorher stand ich schon unter Stress, war nicht konzentriert, meine Arbeitsleistungen haben gelitten, ich hatte keine Hobbys mehr. Ich bin um 3 Uhr nachts nach den ersten Spielen der NBA (amerikanische Basketballliga, die Red.) ins Bett gegangen und um 6 Uhr wieder aufgestanden, um meine Wetten zu checken.

Geben Sie den Wettanbietern eine Mitschuld an Ihrer Sucht?

Sie sind auf jeden Fall darauf aus, die Leute an sich zu binden. Wenn ich bei einem Anbieter mal eine Weile nicht gewettet habe, wurde ich persönlich angeschrieben und mit „Du“ angeredet. Man bekommt einen Gutschein geschenkt oder sogar mal Eintrittskarten für Schalke. Klar ist, dass die Unternehmen Leute wollen, die regelmäßig spielen. Die verdienen ihr Geld nicht mit Menschen, die gelegentlich mal tippen.

Wie geht es Ihnen jetzt?

Ich bin jetzt gut anderthalb Jahre spielfrei. Ich habe Glück gehabt und eine Bank gefunden, die mir einen Kredit über alle meine Schulden gegeben hat. Ich will mit 31 Jahren schuldenfrei sein. Ich zahle jeden Monat 1000 Euro an die Bank. Das sehe ich jeden Monat auf meinem Auszug. Das ist wie ein Mahnmal, das mich davon abhält, wieder zu spielen. Aber ich werde wohl mein ganzes Leben aufpassen müssen, dass der Funke nicht noch mal überspringt und ich rückfällig werde.

ZUR SACHE

Hilfe für Suchtkranke

Die Ambulante Rehabilitation der Diakonie bietet Menschen mit Suchterkrankungen Hilfe und Beratung. Die Kosten werden laut Diakonie von allen Renten- und Krankenversicherungen übernommen.

Die Fachstelle für Sucht und Suchtprävention in Osnabrück ist zu erreichen unter 0541/940100 oder per E-Mail: suchtberatung@dw-osl.de

 

NOZ-Online-Redaktion/Sven Kienscherf/03.04.2017