12.07.2017

Als Nachbarn möchte sie keiner haben - Problem der Straffälligenhilfe: Wenn nach dem Knast keine Wohnung in Osnabrück zu finden ist

Wohnungssuche? Schwierig. Wohnungssuche nach Gefängnisaufenthalt? Fast aussichtslos. Die Straffälligenhilfe der Diakonie in Stadt und Landkreis Osnabrück kann ein Lied davon singen. Osnabrück. 50 Bewerbungen für einen Platz in den Osnabrücker Wohngemeinschaften für Haftentlassene hat die Straffälligenhilfe 2016 bekommen, nur zehn Personen konnte sie aufnehmen. Im Vorjahr sah es ähnlich aus, bei seit Jahren steigendem Bedarf. Wer dort lebt, lebt dort immer länger – weil es schwierig ist, auf dem freien Wohnungsmarkt fündig zu werden.

„Als Nachbarn möchte sie keiner haben“

„Gerade in der ersten Zeit nach der Haftentlassung ist eine stabile Situation wichtig“, betont Burkhard Teschner, Geschäftsbereichsleiter Gefährdetenhilfe bei der Diakonie. Und das fängt eben beim Wohnen an. Es heiße immer: „Morgen sind sie wieder unsere Nachbarn“, sagt Teschner, „nur: Als Nachbarn möchte sie keiner haben.“ 507 Personen hat die Straffälligenhilfe 2016 betreut, zehn Prozent davon lebten ohne festen Wohnsitz oder bei Bekannten. Die Straffälligenhilfe suche daher dringend Wohnraum. Mieter wäre die Diakonie, die die Wohnungen dann untervermieten würde.(Weiterlesen: Ein ehemaliger Einbrecher aus Osnabrück erzählt) Prävention und Integration sind die Ziele der Straffälligenhilfe. Nicht alle ihrer 507 Klienten aus dem vergangenen Jahr waren im Gefängnis, etwas mehr als die Hälfte kam noch einmal um eine Haftstrafe herum. Zu diesen Klienten, wie die Diakoniemitarbeiter sie nennen, zählen Erwachsene, die etwa wegen Betrugs, Ladendiebstahls, Schwarzfahrens oder Körperverletzung verurteilt wurden. Rund 80 Prozent sind Männer.

Zwei Drittel der Täter sind verschuldet

Schulden seien bei den meisten Tätern ein Riesenproblem, sagt Hans Ludger von der Anlaufstelle für Straffällige. 329 der 507 Klienten, also rund zwei Drittel, sind verschuldet oder haben finanzielle Probleme. Schulden seien nicht nur ein Integrationshemmnis, sondern führt auch dazu, dass viele Täter keine Möglichkeit sehen, ihre Geldstrafe zu zahlen. Doch genau dort setzt die Diakonie an und unterstützt die Täter dabei, ihre Geldstrafen zu begleichen.

Letzte Chance vor dem Knast

Die Straffälligenhilfe ist für viele verurteilte Täter damit die letzte Chance, noch einmal die Kurve zu kriegen. Teschner zählt die Vorteile der Haftvermeidung auf: „Die Leute behalten ihre Wohnung, ihre Arbeit, es fließt verlässlich Geld in die Staatskasse, und es spart Haftplätze.“ 148,12 Euro koste ein Haftplatz pro Tag. „Wir haben eine gute Erfolgsquote“, sagt Hans Ludger von der Anlaufstelle für Straffällige. Nur etwa 15 Prozent würden rückfällig. „Viele kennen uns schon und bitten uns, eine Ratenzahlung zu vereinbaren“, sagt Hans Ludger. So seien 2016 in 239 bearbeiteten Fällen fast 60 000 Euro zusammengekommen, wodurch die Verbüßung von 3600 Hafttagen vermieden wurde, rechnet die Straffälligenhilfe in ihrem Jahresbericht vor.

„Täterarbeit ist auch Opferschutz“

„Täterarbeit ist auch Opferschutz“, betont Teschner. Bei der Diakonie absolvieren viele Straffällige im Fachzentrum „Faust“ Anti-Gewalt- oder Deeskalationstrainings. In welcher Intensität die Straffälligenhilfe künftig arbeiten kann, ist jedoch offen. „Wir haben finanzielle Probleme“, sagt Teschner.

Feste Zuschüsse bekommt die Diakonie vom Land, von der Stadt und dem Landkreis sowie von den evangelischen Stiftungen vor Ort. Hinzu kommen Bußgelder, die die Richter anweisen – Spenden so gut wie keine. Doch die Personal- und Sachkosten würden stetig steigen, so Teschner. „Es fehlen locker 30 000 Euro jährlich in der Gewaltprävention und Straffälligenhilfe“, rechnet der Geschäftsbereichsleiter vor.

Neue Osnabrücker Zeitung / Sandra Dorn / 10.07.2017